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GE-Braeu Gelsenkirchen
Das Team von GE-Bräu (v.l.): Olivier Kruschinski, Anja Michels und Volker Uthe. Foto: was-mit-bier.de

GE-Bräu erinnert an Gelsenkirchens Brautradition

Gelsenkirchen ist eine Stadt mit einer langen Brautradition. Doch eben das ist im Ruhrgebiet etwas in Vergessenheit geraten. Seit Jahrzehnten hat die Stadt keine eigene Brauerei mehr. Dennoch gibt es dort mit GE-Bräu ein Bier, in dem ganz viel „GE“ steckt.

Eine „Schnapsidee“ sei es gewesen, die vor rund drei Jahren alles ins Rollen gebracht habe. Dabei ging es aber gar nicht um Hochprozentiges – sondern um Bier. „Wir sind angetreten, die Geschichte der Gelsenkirchener Brautradition wieder zu beleben“, sagt Olivier Kruschinski (43). Zusammen mit Anja Michels (49) und Volker Uthe (59) hat er zwei neue Biermarken entworfen: GE-Bräu und GE-Söff. „Wir haben damals einfach damit angefangen. Mehr als auf die Nase fallen konnten wir ja nicht.“

Brau-Erfahrung hatte das Team bereits. Schon vor fast 30 Jahren hatten Anja Michels und Volker Uthe damit begonnen, im heimischen Keller eigene Biere zu kreieren. „Das war für uns stets ein Hobby“, sagen sie über ihre Arbeit mit Kochtopf, Hopfen, Malz und Hefe, „aber das Experimentieren hat uns Spaß gemacht.“

Brauen war plötzlich mehr als nur ein Hobby

GE-Bräu Gelsenkirchen
GE-Bräu aus Gelsenkirchen. Foto: was-mit-bier.de

Dann kam dann der Punkt, an dem aus der Sache mehr wurde als ein Hobby. „Wir haben angefangen, einen Partner zu suchen und im größeren Stil zu brauen“, blickt Volker Uthe zurück. Gefunden hatten sie ihn in Holzminden im Weserbergland. Die dortige Brauerei hat die Kapazitäten, die den Gelsenkirchenern fürs Brauen im großen Stil fehlte – und dennoch steckt ganz viel Gelsenkirchen im GE-Bräu und im GE-Söff. Die Rezepte wurden in der Ruhrgebiets-Stadt entwickelt, und beim Brauen kommen Rohstoffe aus dem Revier zum Einsatz. Die Gerste wird beim Mälzen mit Emscherwasser zum Keimen gebracht, und im Braukessel landet in geringen Mengen auch wilder Hopfen, den Anja Michels und Volker Uthe auf heimischen Halden gepflückt haben.

Das Bier, für das die drei Ruhr-Brauer verantwortlich sind, ist das, was man landläufig als „Kellerbier“ bezeichnet, im Süden spricht man von einem „Zwickl“. Es wird nicht filtriert, und es kommen nur hochwertige Rohstoffe zum Einsatz. Oft wird es für seine Süffigkeit gelobt. „Wer es probiert, wird merken, dass es sich im Geschmack ganz deutlich von den Bieren der großen Brauereien unterscheidet“, sagt Anja Michels.

Nachfrage nach GE-Bräu stieg

Und probieren wollten das Bier dann plötzlich immer mehr Menschen. Mit der steigenden Nachfrage änderten sich aber auch die Anforderungen. Spätestens als das Fassbier auf der Getränkekarte des Gelsenkirchener Restaurants „Bang Bang Burgers & Beer“ landete, und die Leute im Ruhrgebiet auch nach Flaschenbier verlangten, das sie mit nach Hause nehmen können, war klar: „Es ist Zeit, die nächste Rakete zu zünden“, erinnert sich Olivier Kruschinski.

1000 Bierkisten mit je 20 Flaschen hatte das Team zum Befüllen geordert. „Wir dachten, die reichen ein Leben lang“, sagt Volker Uthe. „Aber die waren sehr schnell weg – und wir hatten unterschätzt, wie lange die im Umlauf sind, und wie viele gar nicht erst zu uns zurückkommen.“ Also hat das Team noch einmal 1000 Kisten und weitere 20 000 Flaschen bestellt. Es war ein finanzielles Wagnis. Denn der Einkaufspreis für Kästen und Flaschen übersteigt den Pfandwert – und das, obwohl das Brau-Trio pro Kasten stolze 15 Euro an Pfand verlangt.

Das Geschäft mit dem Bier funktioniert

GE-Soeff Gelsenkirchen
GE-Söff aus Gelsenkirchen. Foto: was-mit-bier.de

Heute sehen sich die GE-Bräu-Macher gut aufgestellt. Sie stecken zwar jede Menge Zeit und Herzblut in ihr Projekt, haben alle noch einen Job, der nichts mit Bier zu tun hat, aber sie zahlen nichts drauf. Das Geschäft mit dem Bier läuft so gut, dass es sich selbst trägt. Und sie arbeiten dran, dass es eines Tages auch Gewinn abwirft.

Ihr Motto auf dem Weg dahin, sagen sie, sei „Machen statt Meckern!“. Während die großen Konzerne über rückläufigen Bierabsatz klagen, bekämen sie zu spüren, dass gerade regionale Spezialitäten derzeit gefragt seien. „Unsere Marke ist in der Stadt bekannt und etabliert, wir werden positiv wahrgenommen, gerade von Jüngeren“, sagt Olivier Kruschinski. „Und damit sind wir wesentlich weiter, als wir uns das vor drei Jahren erträumt hätten.“

Zeit für die nächste Rakete

Jetzt, so beschreibt es Kruschinski, sei es wieder an der Zeit, „eine neue Rakete zu zünden“. Diese Rakete ist aus Kupfer – und es handelt sich um einen Braukessel. Das Trio hatte schon immer das Ziel verfolgt, in Gelsenkirchen eine eigene Brauanlage zu installieren. Noch in diesem Jahr soll der Plan in die Tat umgesetzt werden.

GE-Bräu Gelsenkirchen
„Das Kellerfrische vom Emscherstrand“. Foto: was-mit-bier.de

Mit der neuen Anlage seien sie dann in der Lage, in Gelsenkirchen Brauseminare anzubieten. Die Teilnehmer könnten dabei innerhalb eines Tages lernen, wie Bier hergestellt wird. Außerdem sei mit dem eigenen Brau-Equipment der Weg frei für die Herstellung ausgefallener Sude: „Wir könnten Bierstile brauen, die selten geworden sind“, sagt Volker Uhde. Er denkt dabei etwa an Kirschbiere, wie sie in Belgien sehr beliebt sind, oder dunkle Sorten wie Stout und Porter.

Auch dass unser dem Dach von GE-Bräu eines Tages Schnaps gebrannt wird, möchte niemand im Team ausschließen. So könnte schließlich aus der Schnapsidee tatsächlich noch ein echter Schnaps entstehen.

 

Ein Blick auf Gelsenkirchens Biertradition

GE-Bräu erinnert an die Kunst der Braupioniere

Essen hat Stauder, Bochum hat Fiege – und Gelsenkirchen hatte mal die Glückauf-Brauerei. 1980 wurde dort die letzte Flasche Bier abgefüllt. „Es ist schon kurios. Wir sind eine Stadt mit einer großartigen Brautradition – aber wir haben keine eigene Brauerei“, sagt Olivier Kruschinski. „Deswegen wollen wir mit unseren Bieren die Erinnerung an Gelsenkirchens Vergangenheit als Bierstadt lebendig halten.“

Gestartet ist die Glückauf-Brauerei im Jahr 1887. Zechenarbeiter strömten damals ins Revier, der Bierabsatz stieg. Harte Arbeit unter Tage machte die Kehlen durstig. Grund genug für Hermann Pokorny auf dem Gelände der Ringofenziegelei in Ückendorf die erste große Brauerei der Stadt bauen zu lassen. Benannt hat er sie nach dem allgegenwärtigen Bergmannsgruß: „Glückauf“.

1895 wurde die Brauerei in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Geschäfte liefen gut, die Produktion stieg. Mit Pferdegespannen wurde das in Eichenfässer gefüllte Glückauf-Bier ausgeliefert – die Kutschen fuhren bis ins fast 150 Kilometer entfernte Aachen. So lief es gut für eine ganze Weile. Selbst Werbung hatte die Brauerei kaum nötig. „Wir lehnen es ab, der Öffentlichkeit mit überheblichem Selbstlob unsere Biere anzupreisen, die den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen haben. Wir überlassen Kennern und Freunden das Urteil“, hieß es 1924 in einer Mitteilung.

Der Krieg hinterließ Spuren

1928 ging die Glückauf-Brauerei eine Interessengemeinschaft mit der Dortmunder Ritter-Brauerei ein. Für Jahrzehnte sollte sie die Hauptaktionärin des Gelsenkirchener Betriebs bleiben. Der Zweite Weltkrieg ging nicht ohne Spuren an der Brauerei vorbei. Erst 1949 wurde die Produktion wieder hochgefahren. Im Sortiment: „Friedensbier“, das deutlich mehr Stammwürze enthielt als die aus der Not heraus entstandenen „bierähnlichen Getränke“ der Kriegs- und Nachkriegsjahre.

Ab 1956 hat die Brauerei noch einmal richtig investiert. Angeschafft wurden neue Braukessel mit großem Fassungsvermögen, eine Anlage für die Hefezucht wurde aufgebaut und die Eichenfässer wurden durch Behälter aus Aluminium ersetzt. Dann passierte, was die Branche nachhaltig verändern sollte: Beim Bierkonsum der Deutschen setzte ein Abwärtstrend ein. 1965 lag der Pro-Kopf-Konsum bei knapp 122 Litern. Im Vorjahr war es rund ein Viertel mehr. 1971 schloss Glückauf einen Beherrschungsvertrag mit der Dortmunder Schultheiss-Brauerei – und gab somit das Steuer in fremde Hände.

Stillgelegt im Jahr 1980

In der Folge gab es einige Änderungen in der Brauerei. Die Fassbierherstellung wurde 1977 verlagert, die Einwegproduktion rückte in den Fokus. Malzbier kam fortan von der Ritter-Brauerei. Das alles waren Vorboten des endgültigen Aus’. Es kam 1980. Die Hauptaktionäre der Dortmunder Union Schultheiß hatten Glückauf komplett übernommen. Am 27. März 1980 wurde der Gelsenkirchener Betrieb stillgelegt.

Der Autor - Tobias Appelt

Geboren in einem Jahr, in dem es eine sensationelle Hopfenernte gab: 1982. Dann aufgewachsen und irgendwann ins biertaugliche Alter gekommen. Seitdem immer auf der Suche nach ausgefallenen Spezialitäten. Der Meinung, dass Bier flüssiges Kulturgut ist - und daher leidenschaftlicher Fan.

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